Lesereihe mit dem Autor Wilfried Eggers, der aus seinem Buch "Paragraf 301" vorgelesen hat.
Gladbeck, 07.06.09
Duisburg, 08.06.09
Grevenbroich, 16.10.09
Ratingen, 17.10.09
Oberhausen, 18.10.09
Köln, 28.11.09
[ Ali Sirin] Mit seinen Augen blickt er um sich, als ob er sich seiner Zuhörer vergewissern möchte. Dann lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und drückt das Buch fest an die Brust. Wilfried Eggers ist sein Name und sein Buch „Paragraf 301“ thematisiert in seinen Handlungssträngen auch die Aleviten. Heute liest er im Alt-Oberhausener Verein, seine letzte Station seiner dritten Lesereihe in NRW, im schönen Ruhrgebiet, die die Alevitische Gemeinde NRW initiierte.
Der Schriftsteller, der hauptberuflich als Rechtsanwalt arbeitet, kommt aus Drochtersen im Weser-Elbe-Dreieck, und folgt laut eigenen Aussagen gerne den Einladungen Alevitischer Vereine, um aus seinem Roman zu lesen. Die Grundessenz des Buchinhalts hat es in sich und führt stets zu interessanten, aber auch heftigen Diskussionen. Sind die Aleviten aus Dersim nun Kurden oder Zaza, welche Rolle spielte Mustafa Kemal Atatürk während des Dersim-Massakers und kämpfte Seyit Rıza für die Unabhängigkeit der Kurden, Zaza oder doch der Aleviten?

„Jeder Verein hat seinen eigenen Charakter“, sagt der Norddeutsche, „und jede Lesung in einem Alevitischen Verein ist anders“. Während die Lesung vor zwei Tagen in Grevenbroich sich aus jungen und alten Zuhörern zusammensetzte, sind heute mehr ältere Zuhörer anwesend. Gestern in Ratingen waren hauptsächlich junge Leute zugegen, während die älteren Herren im Nebenraum ihre Konversationen über Politik und Alltag führten. „Ich konnte nicht vorhersehen, dass dieses Buch unter den Aleviten solch eine Resonanz finden würde“, sagt Wilfried Eggers und setzt sich seine Lesebrille auf und liest jenes Kapitel vor, welches İhsan Sabri Çağlayangils Bemühungen, ein junger aufstrebender Beamte, sowie das Gerichtsverfahren der Angeklagten und die Hinrichtung Seyit Rızas im Jahre 1937 beschreibt.
Der Norddeutsche kann froh sein, wenn er nicht unterbrochen wird, denn einige Zuhörer sitzen unruhig auf ihren Stühlen, möchten unbedingt ihren Standpunkt der Sichtweise darlegen. Die Debatte unter den Zuhörern entbrennt zu der Frage in deutscher wie türkischer Sprache, ob Atatürk den Befehl dazu gab, den Dersim-Aufstand niederzuschlagen, denn er läge zu jener Zeit im Krankenbett. Der Schriftsteller verweist auf einen Gesetzesentwurf aus dem Jahre 1934 hin, der die Assimilation von Minderheiten in der Türkei bezweckt. Während die einen zustimmend nicken, schütteln andere protestierend den Kopf.
In seinem Roman „Paragraf 301“ lässt Wilfried Eggers den Romanprotagonisten Peter Schlüter in einen Gewissenskonflikt hineinschlittern. Er übernimmt zwei Mandate, wird mit Geschichten konfrontiert, die sein Innenleben und seine Ansichten durcheinanderwirbeln. Peter Schlüter ist ein typischer Vertreter eines kleinbürgerlichen Milieus, gesättigt und gelangweilt im Alltag der Routine. Zwar hat der Rechtsanwalt Träume, doch ist er Gefangener des Alltäglichen. Als Vertreter des Kleinbürgerlichen verachtet er seinesgleichen. Seine Sehnsüchte bleiben unerfüllt.
Die Mandate, die er übernimmt, holen ihn aus der Routine. Seine Klienten sind Emin Gül und Heyder Cengi, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. In Folge seiner Arbeit wird er mit einem Verbrechen konfrontiert, nämlich mit dem Massaker in Sivas. Im Jahre 1993 starben in der zentralanatolischen Stadt Sivas in der Türkei 37 Menschen im Hotel „Madımak“, als ein islamisch-fundamentalistischer Mob dieses in Brand steckte. Der Staat griff nicht wie gewohnt ein, ihm wurde gar die Mittäterschaft vorgeworfen. Durch Cengis Onkel Veli Adaman erfährt der Rechtsanwalt Schlüter nicht nur über das Sivas-Massaker, sondern auch über die türkische Militäroperation in Dersim (heute Tunceli) im Jahre 1937/38, das auch das vergessene Völkermord genannt wird, und muss sich zugleich mit dem Alevitentum auseinandersetzen.
Zwei Welten prallen in diesem Roman hiermit aufeinander. Einerseits die langweilige deutsche Provinz in ihrer Selbstgefälligkeit und anderseits ein Anatolien, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihres Glaubens getötet werden. Täter wie Opfer finden in Deutschland Zuflucht.
Im nächsten Kapitel, dass der Schriftsteller vorliest, geht es um den Anwalt Peter Schlüter, der von Kemal Kaya angesprochen wird, seinen Neffen Emin Gül in einer Asylangelegenheit zu verteidigen. Kemal Kaya ist ein türkischer Rechtsradikaler, der für Aleviten nichts übrig hat und die Vorurteile ihnen gegenüber aufzählt. Während der Schriftsteller liest, rutschen einige Zuhörer wieder unruhig auf ihren Stühlen hin und her. „Was sollen deutsche Leser denken, wenn sie so etwas über Aleviten lesen?“, fragt ein älterer Zuhörer. Ein jüngerer Zuhörer entgegnet beruhigend, dass dies die Meinung des Romanprotagonisten Kemal Kayas wäre und nicht die des Schriftstellers. Zudem würde das Bild über die Aleviten wieder zurechtgerückt werden.

„Beruht diese Geschichte auf Tatsachen?“ wird aus der Runde gefragt. „Die Geschehnisse in Dersim und Sivas ja, der Romanplot jedoch ist frei erfunden“, so die Antwort. „Sie haben also keinen Sivas-Mörder verteidigt wie dieser Schlüter!“, schlussfolgert eine junge Dame. Der Schriftsteller nickt. Ein anderer fragt, warum ein Glass Tee das Buchcover ziert .(?) „Weil in diesem Roman viel Tee getrunken wird“, antwortet Wilfried Eggers schmunzelnd. Lächeln in vielen Gesichtern der Zuhörer, denn das Thema ist ernst?. Jüngeren Zuhörern sind die Debatten unter den Älteren über die Politik der Türkei zu sehr ideologisch verfärbt, sie wünschen sich eine sachlichere Herangehensweise.
Aber die vielen weiteren Fragen an den Schriftsteller verhindern, dass ein weiteres Kapitel vorgelesen werden kann. Dieses beschreibt den Besuch des Anwalts Schlüter mit einem alevitischen Geistlichen, der von seinem Leid erzählt, das ihn zu einem gebrochenen Mann gemacht hat. Doch der Mord an seinen Sohn ließ nicht den Hass zu, der viele andere innerlich zerfrisst.
Als die Lesung endet, wird der Schriftsteller noch von einigen Zuhörern umschwärmt, um mit ihm kurz über den Roman zu sprechen. Die einen loben sein Werk und seine intensiven Recherchen, die anderen kritisieren seine “unzuverlässigen“ Quellen.
Vier Jahre lang hat der Autor an seinem Krimiroman „Paragraf 301“ gearbeitet. Gelegentlich überkamen ihn auch große Zweifel, ob er überhaupt dieses Buch zu Ende schreiben kann.
Herausgekommen ist ein Buch, das Krimi und Geschichte miteinander verknüpft und zugleich auch politisch ist. Stets betont Wilfried Eggers, dass sein Roman seine Sichtweise darlege und anderen nicht gefallen könne. Zumindest hat er erreicht, dass dieses Buch zu interessanten Kontroversen in den jeweiligen Vereinen geführt hat. Ein Jugendlicher sagte ironisch-süffisant: „Was haben sie nur angestellt, Herr Eggers.“
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