Das Recht auf Leben, Freiheit und das der Sicherheit der Person, die freie Meinungsäußerung, die gesetzliche Gleichstellung aller Menschen, die Versammlungs- und Religionsfreiheit: All diese Auflagen sind Gegenstand der
universellen Menschenrechte der UN-Charta, die während der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges erlassen wurden. Fast alle Staaten bekennen sich formell zu dieser Charta, auch wenn die Realisierung in vielen - um nicht zu sagen in den meisten - Staaten eher sporadisch ausschaut. Dennoch war es kein leichter und kein kurzer Weg, diese Rechte des Einzelnen in 191 Länder gesetzlich zu erlassen. Vor Jahrhunderten, gar Jahrtausenden begann dieser Weg und hielt bis zu unserer Zeit an.
Trotz dieser Mühen und Schwierigkeiten werden die oben aufgelisteten Werte von extremistisch gesinnten Personen, Gruppierungen, Regierungen verletzt. Seien es religiöse, ethnische, soziale oder politische Beweggründe, man muss nicht weit in die Vergangenheit blicken, um solche Schandtaten zu finden: der Holocaust, die Armenierverfolgung, das Massaker von Srebrenica, der Brandanschlag in Solingen, die Vergasung des Dorfes Halabja und viele weitere.
Ein Ereignis, welches sich in die Reihe dieser Schandtaten eingliedert, ist das Pogrom von Sivas. Dieses Massaker ereignete sich am 2. Juli 1993 in der mittelanatolischen Stadt Sivas.
Der Verein zu dem Volksdichter Pir Sultan Abdal organisierte ihm zu Ehren ein Gedenkfest. Pir Sultan Abdal war ein anatolischer Sufi-Dichter, der im 17. Jahrhundert lebte. Durch seine Dichtungen und seine Auflehnung gegenüber den
osmanischen Despoten stieß er zu Lebzeiten und 400 Jahre nach seinem Ableben auf rege Sympathie seitens bektaschiitischer und alevitischer Anhänger.
Als Andenken an Pir Sultan Abdal wurde im Juli ´93 in Sivas ein Festival organisiert. Schriftsteller, Dichter und Musiker der intellektuellen Schicht beteiligten sich an diesem Festival. Mitunter der gebürtige Sunnite Aziz Nesin. Aziz Nesin löste bei den frommen Muslimen arge Antipathien aus. Zum einen bekannte er sich offenkundig zum Atheismus; zum anderen übersetzte er fragmentarisch das heftig umstrittene Werk, „Die satanischen Verse", von Salman Rushdie. Rushdie schrieb in Romanform über die satanischen Verse im Koran. Angeblich habe der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed bei der Offenbarung des Korans eine Sure diktiert, die eine polytheistische Göttervorstellung beschreibt. Dies widerspricht einem der wichtigsten Pfeiler des Islam, nämlich das Bekenntnis zum Monotheismus. Später habe Mohammed gesagt, dass er getäuscht wurde und der Satan diese Verse ihm diktiert
habe. Darüber hinaus habe Rushdie in seinem Werk nach Auffassung vieler Muslime Mohammed abschlägig dargestellt.
Dies löste eine Welle der moderaten aber auch gewalttätigen Protestbewegung aus. Islamistische Organisationen und sogar der damalige Staatschef des Irans, Khomeini, hatten einen Mordaufruf gegen Rushdie verkündet. Mehrere Übersetzer des Buchs wurden ermordet.
Auch die fundamentalistischen Sunniten in der Türkei fühlten sich durch Rushdies Werk und durch den Übersetzer, Aziz Nesin, provoziert. Als Nesin dann in der größtenteils fundamentalistisch gesinnten Stadt Sivas war, propagierten die Einwohner der Stadt durch Flugblätter und sonst der Gleichen gegen ihn. Zum Freitaggebet mobilisierten hetzerische Mullahs in einigen Großmoscheen Sivas´ eine breite Masse gegen Nesin und gegen die Aleviten zu protestieren, zu randalieren.
Selbst wenn es heißt, dass Nesin die vermeintliche Zielperson war, galt die Aggression auch den Aleviten. Aleviten durften seit mehreren Jahrhunderten ihre religiösen Traditionen nicht offenkundig ausleben. Sie mussten ihre Zeremonien geheim und versteckt halten und durften sich nicht vor jedem als Alevite zur Erkennen geben. Nach Meinung der fundamentalistischen Sunniten waren (bzw. sind) Aleviten unakzeptable Ungläubige, Sektierer und vom wahrhaftigen Weg des Islams abgekommen. Daher kann man nicht von der alleinigen Zielperson Aziz Nesin
sprechen.
Die Besucher des Festivals wurden in dem Hotel Madimak untergebracht. Vor dem Hotel begannen die Extremisten ihre gewalttätigen Protestaktionen. Sie versuchten das Hotel zu stürmen, konnten jedoch nicht eintreten und zündeten daher das komplette Hotel von Außen an. Da das Hotel größtenteils aus Holz bestand, entfachten sich die Flammen schnell. Die Löschaktionen versuchte man gezielt zu verhindern bzw. hinauszuzögern. 37 Menschen kamen in den Flammen und im Qualm ums Leben! Nesin hat den Anschlag überleben können. Als die Feuerwehrleute Nesin aus den Flammen retteten, wurden diese von den Fundamentalisten verflucht und beworfen. Leider wurden intellektuelle Schriftsteller wie Asim Bezirci, Dichter wie Muhlis Akkarsu und Nesimi Cimen, Musiker wie Hasret Gültekin nicht gerettet. Sie wurden Opfer blinden Hasses, hetzerischer Propaganda und fundamentalistischer Ideologie.
Eine Welle der Empörung und Trauer wurde durch dieses Ereignis ruckartig in der Türkei und in Europa ausgelöst: Demonstrationen, Gedenkveranstaltungen, vereinzelt und moderat Gegenaggressionen waren die Antwort der Aleviten und der liberalen Sunniten.
Man hat gegen diese Menschenrechtsverletzung protestiert und für die Menschenrechte gekämpft. Die Erschütterung war groß, dass in einem laizistisch, demokratisch und westlich orientierten Staat solch systematische Pogrome ablaufen können. Die Mörder von Sivas laufen immer noch größtenteils auf freiem Fuß herum, da anscheinend die türkische Justiz wenige Anstrengungen zur Aufdeckung der Mörder opferte.
In Erinnerung an die Opfer des Sivas-Massakers
Behçet Sefa AYSAN, Yeşim ÖZKAN, Nurcan ŞAHİN,Muhibe AKARSU, Muhlis AKARSU, Murat
GÜNDÜZ, Handan METİN, Ahmet ÖZYURT, Huriye ÖZKAN, İnci TÜRK, Özlem ŞAHİN, Yasemin SİVRİ,
Asuman SİVRİ, Uğur KAYNAR, Sehergül ATEŞ, Gülender AKÇA, Gülsün KARABABA, Mehmet ATAY,
Hasret GÜLTEKİN, Serkan DOĞAN, Muammer ÇİÇEK, Belkıs ÇAKIR, Asaf KOÇAK, Edibe SULARI
AĞBABA, Menekşe KAYA, Koray KAYA, Serpil ÇANİK, Erdal AYRANCI, Asım BEZİRCİ, Sait METİN,
Carina Cuanna THUIJS, Nesimi ÇİMEN, Metin ALTIOK, Kenan YILMAZ, Ahmet ÖZTÜRK
