Alevitische Gemeinde Deutschland e. V. Landesverband NRW

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Aleviten in tuerkischen Medien

Aleviten in türkischen Medien


Stefan Hibbeler

Istanbul, April 2007

Aleviten in türkischen Medien. 1
Das unsichtbare Alevitentum.. 2
Der Einheitsdiskurs. 3
Konflikt um ein Cemevi 4
Alevismus und Terrorismus. 5
Alevismus und Mission. 6
Wir sind alle Muslime …... 6
Eine alevitische Öffentlichkeit 7


Dass die verschiedenen Volksgruppen und Religionsgemeinschaften in der Türkei ein spezifisches Image haben, ist unbestreitbar. Medien als wesentliche Träger von Öffentlichkeit gehen in mehr oder weniger subtiler Weise mit diesen Bildern um: sie bauen sie ein in die grundlegenden Diskurse von Konformität, Zugang zur Ressourcen und Identitätsstiftung. Dies betrifft in der Türkei insbesondere auch die Aleviten und die nichtmuslimischen Minderheiten[1]: Sie werden einbezogen in gesellschaftliche und politische Kraftfelder. In diesem Prozess entstehen Spannungen und Auseinandersetzungen, denn die Art der Berichterstattung – angefangen von der Themenwahl bis zu Wortwahl und verwandten Metaphern – transformiert ihren Gegenstand. Berichterstattung in Medien ist ein Transformationsprozess vom „Ereignis“ zur „Nachricht“.

 

Aleviten in der Türkei werden mit einer Reihe von Attributen bedacht, die mit gesellschaftlichen Auseinandersetzungen eng verwoben sind. Einer der Kernkonflikte der türkischen Gesellschaft ist die Frage von Mehrheit und Minderheit, der mit einem starken gesellschaftlichen und staatlichen Konformitätsdruck einhergeht.[2] Zwar wird die Existenz des Alevitentums nicht geleugnet, doch wird es staatlicherseits als Teil des Islam bewertet.[3] Theologisch mag dies eine zutreffende Bewertung sein – es gibt alevitische Positionen, die auf die Zugehörigkeit zum Islam bestehen und solche, die eine Abgrenzung vornehmen.[4] Einigkeit besteht jedoch in der Feststellung, dass die Besonderheit der alevitischen Lehre nicht in den schulischen Religionsunterricht eingeht, dass ihre Gemeindezentren, die Cemevi, nicht als religiöse Stätten bewertet werden und den Ansprüche auf eine Förderung alevitischer Kultur mit Verdacht begegnet wird.[5]

 

Die Auseinandersetzung darüber, was Aleviten sind, wird von den türkischen Medien aufgegriffen und berichtet. Eine quantitative Analyse der Berichterstattung zum Alevitentum wäre eine spannende Aufgabe – sie sprengt jedoch das Anliegen dieses Aufsatzes. Der vorliegende Beitrag beschränkt sich auf die Frage, wie Aleviten und das Alevitentum in türkischen Printmedien[6] wiedergegeben wird. Leitfragen sind dabei, in welchen Themenzusammenhängen Aleviten auftauchen, wie über sie berichtet wird, ob sie selbst zu Wort kommen und ob sich dabei spezifische Profile einzelner Medien ergeben. Angesichts des oben beschriebenen Prozesses, eine eigene alevitische Identität geltend machen zu wollen, wird am Schluss außerdem auf alevitische Websites und Radiosender eingegangen.

Zwar beschweren sich alevitische Verbände immer wieder über die Ignoranz der türkischen Medien gegenüber dem Alevitentum. Jedoch findet sich bisher kein Beitrag, in dem systematischer versucht wurde, Stil und Inhalt der Berichterstattung zu untersuchen.

 

Mit der langsamen Liberalisierung der türkischen Medien haben Aleviten begonnen eigene Radios einzurichten. Durch das Internet sind außerdem neue Möglichkeiten entstanden, die Bestrebungen der Aleviten in Europa auf eine Förderung ihrer Identität auch den Aleviten in der Türkei zu öffnen.

 

Das unsichtbare Alevitentum

Am 26. April 2006 verstarb der Saz-Virtuose Ali Ekber Çiçek. Der Künstler, der seine Karriere als Besuchsmusiker beim staatlichen Radio TRT begann, galt als „Volksmusiker“. Unter den mehr als 400 Aufnahmen, die Çiçek für den TRT machte, sind viele heute populäre Stücke, die erstmals durch ihn Eingang ins Radio fanden. Wie in den Nachrufen hervorgehoben, gilt dies auch für alevititsche Lieder. Interessant ist dabei, wie das Alevitentum Çiçeks angesprochen wird: „Der 1935 im Dorf Ulalar in der Provinz Erzincan geborene Ali Ekber Çiçek verlor bei dem Erdbeben von Erzincan 1939 seinen Vater. Schon als Kind begann er auf dem Feld zu arbeiten. Zu jener Zeit lernt er Saz spielen und seine Ohren gewöhnen sich bei Cem-Versammlungen an alevitische Sprüche und Melodien …“[7] Der Nachruf des TRT wiederum gibt zwar an, dass die Saz-Lehrer „Potim İsmail Dede und Emin Tabak Dede“ gewesen seien. Ob der Namensbestandteil „Dede“ jedoch Titel oder Familienname ist, bleibt offen. Auf den alevitischen Hintergrund des Künstlers wird in dem Beitrag nicht eingegangen.[8]

Ein Bericht in der Tageszeitung Radikal vom 29. April 2006 gibt den Protest des Generalsekretärs der Alevi-Bektaschi Förderation Fevzi Gümüş wieder: Für Çiçek wurde eine Trauerfeier im Cemevi Kartal und eine beim TRT durchgeführt. Doch in der TRT-Berichterstattung wurde die auf das Alevitentum verweisende Feier im Cemevi nicht übertragen.

Betrachtet man die Berichterstattung über Beerdigungen prominenter Persönlichkeiten, so werden meist auch die Trauerfeiern in den Moscheen einbezogen. Bilder und Aufnahmen von Cemevleri dagegen sind im Fernsehen nicht anzutreffen.

 

Der Einheitsdiskurs

Im Herbst 2004 erlebte die Türkei im Vorfeld der EU-Entscheidung über die Aufnahme der Beitrittsverhandlungen eine Diskussion über die Erwähnung der Aleviten als Minderheit im Fortschrittsbericht. Im Zeitraum vom 2. bis zum 14. Oktober erschienen in den Tageszeitungen Radikal, Zaman und Yeni Şafak zahlreiche Beiträge zum Status des Alevitentums, Forderungen alevitischer Vereine und Verbände und politische Bewertungen ihrer Qualifizierung als „Minderheit“. Interessanterweise haben sich insbesondere Aleviten in der Türkei gegen ihre Bewertung als Minderheit ausgesprochen…[9]

Am 10. Oktober 2004 kommentiert Ismet Berkan, Chefredakteur der Tageszeitung Radikal die Diskussion kurz gefasst folgendermaßen: Zunächst werden Kurden und Aleviten im Fortschrittsbericht als Minderheiten bezeichnet. Dann treten einige Personen auf, die sich selbst als Vertreter von Kurden und Aleviten sehen und erklären: „Wir sind nicht Minderheit sondern Element der Mehrheit“. Daraufhin heißt es: „Kurden und Aleviten kann kein Minderheitenstatus zugeschrieben werden. Sie wollen es auch gar nicht.“ Und die Frage scheint erledigt…[10]

Am 9. Oktober erschienen in der Tageszeitung Zaman zwei Beiträge zur Diskussion über das Alevitentum. In einem wird die Äußerung des Präsidenten der Alevi Bektaschi Stiftung Ali Doğan wiedergegeben, dass die  Aleviten nicht als Bekenntnis außerhalb des Islam einzustufen wären. In dem anderen wird die Position von Doğu Perinçek, Vorsitzenden der türkischen Arbeiterpartei, dargestellt, der einen Minderheitenstatus für Aleviten, der beispielsweise eigene Schulen einschlösse, zurückwies. Das türkische Schulwesen sei einheitlich – man könne nicht für Tscherkessen, Kurden, Sunniten und Aleviten jeweils eigene Schulen zulassen, es gäbe nur die eine Schule der türkischen Republik. In einem in der Radikal vom 11. Oktober veröffentlichten Interview charakterisiert der AK Partei-Abgeordneten Zekeriya Akçam die “Schaffung neuer Minderheit” als “schlechtest denkbaren Verlauf” im EU-Beitrittsprozess der Türkei.[11]

Nach einigem Hin und Her wird offenkundig: Das Verständnis des Begriffs „Minderheit“ in der Türkei weicht beträchtlich  von dem in der EU verbreiteten ab. Fehmi Koru in der Yeni Şafak[12] schreibt am 12. Oktober 2004 dazu:

Der Fortschrittsbericht des Europäischen Rates zieht aufgrund unnötiger und unverhältnismäßiger Details zu Recht Kritik unterschiedlicher Kreise auf sich. Gleichwohl ist selbst diese Kritik wichtig, führt sie doch dazu, uns Dingen zu stellen, um die wir uns sonst kaum kümmern. Wäre von ihnen im Fortschrittsbericht nicht als “Minderheit” gesprochen worden, hätten die Aleviten nicht gesagt: “Wir sind keine Minderheit” und wir hätten uns nicht der Mühe unterzogen, über das Thema nachzudenken (…)” Koru fragt weiter: Wenn nicht Minderheit – was sind dann die Aleviten? Er kommt zu dem Schluss, dass angesichts der vielfältigen Antworten darauf, ein gesellschaftlicher Konsens hergestellt werden müsse. Dieser sei jedoch nur durch Diskussion und nicht durch eine staatliche Entscheidung zu erreichen. 

 

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die Problematik des Minderheitenbegriffs in der Türkei ausführlich zu erörtern. Kurz gefasst sei jedoch darauf hingewiesen, dass im Osmanischen Reich die nicht-muslimischen Minderheiten den Status eines „Millet“ hatten. Im Auflösungsprozess des Reiches, d.h. vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wird in der türkischen Geschichtsschreibung den Millet eine große Verantwortung zugeschrieben – sie hätten in Zusammenarbeit mit den Europäischen Mächten den Untergang herbeigeführt. Im Friedensvertrag von Sevres 1919 wurde Armeniern, Griechen und Kurden das Recht zur Gründung eigener Staaten auf der Territorium der heutigen Türkei zugesprochen. Der Befreiungskrieg, der mit der Gründung der Türkischen Republik 1923 endete, führte zum Friedensvertrag von Lausanne. Im Friedensvertrag von Lausanne werden „kulturelle Rechte“ der türkischen Bürger sowie die Schutzprivilegien der nicht-muslimischen Minderheiten niedergelegt. Dass mit diesem Vertrag endgültig definiert sei, wer in der Türkei als Minderheit zu bewerten sei, ist offizielle Staatsdoktrin. Die Forderung nach Anerkennung von kulturellen Rechten oder religiöser Konfessionen innerhalb des Islams wird als Versuch zur Spaltung der Gesellschaft bewertet.[13]

 

Konflikt um ein Cemevi

Was ist ein Cemevi? Die Frage beschäftigte nicht zuletzt die türkische Öffentlichkeit im Zusammenhang mit dem Bemühen, ein alevitisches Gemeindezentrum im İstanbuler Stadtteil Sultanbeyli zu errichten.

Das türkische Baurecht sieht vor, dass in Wohngebieten Flächen zur Errichtung von religiösen Stätten ausgewiesen werden müssen. Da die Aleviten jedoch nicht als anerkannte Religionsgemeinschaft gelten, haben sie keine Möglichkeit, die Errichtung eigener Gebetsstätten durchzusetzen. Sie werden vielmehr auf die vorhandenen Moscheen verwiesen.

 

Sultanbeyli ist einer der seit den 1980-er Jahren entstandenen neuen Stadtteile Istanbuls. Wie viele dieser neuen Viertel sind sie ohne Planung und Genehmigungen entstanden. Angesichts der massiven Infrastrukturprobleme der Stadt und den Risiken, die von einem bevorstehenden Erdbeben ausgehen, versuchen die Großstadtverwaltung und die Bezirksverwaltungen der weiteren regellosen Bautätigkeit entgegenzuwirken. Im April dieses Jahres geschah genau dies mit dem Projekt, ein Cemevi in Sultanbeyli zu errichten.

Während die Kommunalverwaltung das Problem als ein einfaches baurechtliches darzustellen suchte, gewann es eine politische Dimension durch den Ausspruch von Parlamentspräsident Bülent Arınç, dass man im Parlament längst ein Cemevi eingerichtet hätte, wenn der Bedarf dafür bestanden hätte.

 

Dieses grundsätzlich bereits interessante Problem wurde von den Tageszeitungen recht unterschiedlich aufgegriffen. In der Tageszeitung Sabah vom 1. Mai 2006 findet sich eine Agenturmeldung der staatlichen Anadolu Ajans, in der mitgeteilt wird, dass Ordnungskräfte der Kommunalverwaltung Sultanbeyli den Bau gestoppt haben.[14] Ein Beitrag in der Zaman vom 10. Mai 2006 verweist darauf, dass sowohl der Landrat als auch der Bezirksbürgermeister erklärten, dass in den vergangenen Jahren keine Bauten ohne Genehmigung mehr zugelassen worden seien. Das Baugrundstück befände sich im absoluten Schutzgebiet eines Trinkwasserreservoirs und könne – unabhängig ob Moschee oder Cemevi – nicht genehmigt werden.[15] In einem Beitrag in der Tageszeitung Radikal vom 1. Mai 2006 kommt auch der Vorsitzende des Vereins, der den Bau des Cemevi betreibt zu Wort: Dieser erklärt, dass alle Bauten des Bezirks ohne Genehmigung errichtet seien und das gesamte Gebiet zur Trinkwasserschutzzone gehöre. Die Radikal berichtete im Übrigen auch über die Grundsteinlegung zum Cemevi mit 25.000 Teilnehmern am 8. April. [16] Eine ähnliche Berichterstattung findet sich außerdem in der Tageszeitung Milliyet, wo sich außerdem ein Kolumnist der Frage angenommen hat.

Eine Archivrecherche auf der Internetseiten der Yeni Şafak und der Hürriyet ergab, dass diese weder über die Grundsteinlegung noch über den Baustopp berichtet haben.

 

Die türkischen Tageszeitungen verfügen über deutliche weltanschaulich-politische Profile ihrer Berichterstattung. Die Radikal und Milliyet, die beide zur Doğan-Gruppe gehören, verstehen sich als liberale Zeitungen. Die Yeni Şafak wird als religiös-konservative Zeitung charakterisiert und ihr zugleich eine Nähe zur regierenden AK Partei zugeschrieben. Die Hürriyet ist die auflagenstärkste Zeitung und gehört zur Doğan-Gruppe. Sie hat ein konservatives Profil. Die Zaman vereinigt sowohl eine religiösorientierte wie auch liberale Berichterstattung. Die Cumhuriyet gilt als Zeitung des „republikanischen Lagers“.

Das Profil der Zeitungen berührt auch die Berichterstattung über den Alevismus. In Cumhuriyet, Radikal und Milliyet finden sich häufiger auch Stellungnahmen alevitischer Organisationen, insbesondere auch im Hinblick auf Kritik, die sie gegen gesellschaftliche Repression erheben. Auch die Zaman berichtet über den Alevismus, doch ist im Zusammenhang mit der Abant Konferenz zum Alevismus (17./18. März 2007) kritisiert worden, dass hier die Tendenz verfolgt werde, den Alevismus als einen Teil des Islams festzuschreiben.[17]

 

Alevismus und Terrorismus

Zu den Attributen, die den Aleviten zugeschrieben werden, gehört auch gesellschaftlicher Widerstand, eine „linke Orientierung“ und das Eintreten für die laizistische Ordnung. Die Aleviten der Türkei gelten in der öffentlichen Meinung als Wählerbasis für die Linksparteien. Dies wird zum einen auf die Besonderheit der alevitischen Lehre zurückgeführt, zum anderen aber auch auf die Befürchtungen der Gemeinden, dass islamisch-sunnitisch geprägte Parteien die Freiräume zur Auslebung ihres Bekenntnisses beschneiden könnten. So wurden im Vorfeld der Wahlen vom November 2002 in verschiedenen Zeitungen Meinungsäußerungen alevitischer Verbände wiedergegeben, die sich zum einen vom „Links-Image“ der Aleviten abgrenzen und zum anderen unterstreichen, dass auf die Stimmen der Aleviten nur zählen kann, wer ihre Identität offen anerkennt.

Im Zusammenhang mit verschiedenen linken terroristischen Organisationen sowie der PKK finden sich immer wieder auch Aleviten unter den getöteten Militanten. Die Beziehung zwischen Alevismus und Terrorismus wird explizit im April 2006 in einem Beitrag in der Tageszeitung Zaman aufgegriffen.

 

In der Zaman vom 13.04.2006 wird gemeldet, dass die Beerdigungsfeier von Dilek Polat im Gazi Cemevi heftige Kritik ausgelöst habe. Dilek Polat war bei der Vorbereitung eines Selbstmordanschlages auf eine Moschee in Ordu getötet worden. In dem Zeitungsbericht wird Hıdır Elmas, Vorsitzender des Hacı Bektaş-ı Veli Kulturvereins mit den Worten wiedergegeben, dass die Aleviten immer für Frieden und Liebe eintreten. „Die Sünde der Leiche eines Terroristen darf nicht den Cemevi zugerechnet werden.“ Der Bericht über die Beerdigung liest sich folgendermaßen: „Trotz der Warnungen offizieller Stellen wurde der Leichnam der Terroristin, die einen Anschlag vorbereitet hatte, beleitet von Slogans vom Cemevi zum Cebeci Friedhof gebracht und beerdigt. Bei der Feier, an der Terrorismussympatisanten und Familienmitglieder teilnahmen, wurde kein Totengebet gesprochen, sondern begleitet von Saz und Tef Lieder gesungen.[18]

Alevismus und Mission

Von Zeit zu Zeit flammen in der Türkei Diskussionen über christliche Missionstätigkeit auf.[19] Während einerseits christliche Mission nicht verboten ist, gibt es zahlreiche Berichte darüber, wie teils von offiziellen Stellen, teils durch Organisationen gegen mutmaßliche Missionare vorgegangen wird.[20] Das Vorgehen gegen Missionare ist dabei nur teilweise religiös begründet: Die Aufstände von Armeniern im Osmanischen Reich gegen Ende des 19. Jahrhunderts werden nicht zuletzt auf das Wirken amerikanisch-protestantischer Missionare zurückgeführt. Christliche Missionstätigkeit in der Türkei wird in diesem Zusammenhang als eine Bedrohung der territorialen Integrität und des gesellschaftlichen Friedens des Landes wahrgenommen.

In der türkischen Presse finden sich immer wieder Berichte darüber, dass die Aleviten zu einer bevorzugten Zielgruppe christlicher Missionstätigkeit seien. Während alevitische Verbände auf den Übertritt von Gemeindemitgliedern zum Christentum aufgrund der Hindernisse bei der Vermittlung ihres Bekenntnisses ansprechen, wird zugleich der sunnitischen Mehrheit der Eindruck vermittelt, dass die Aleviten besonders anfällig für Missionstätigkeit seien („schwach im Glauben“).

Die Meldung, dass eine im Herbst 2005 getötete PKK-Terroristin ein Kreuz trug, führte wiederum zu Diskussionen darüber, ob es Verbindungen zwischen der PKK, dem Christentum und dem Alevitentum gäbe.

Am 9. März 2005 wird unter der Schlagzeile „13.000 Aleviten sind zum Christentum übergetreten“ die Kritik des Präsidenten der Ehlibeyt Stiftung Fermani Altun wiedergegeben; „In der Türkei sind 13.000 Aleviten durch Missionare getäuscht worden und zum Christentum übergetreten. Alle sind junge Leute. Als Ergebnis davon, dass in der Türkei der Alevismus als etwas Schlechtes dargestellt wird, sind  Tausende auf Missionare hereingefallen und haben ihre Religion gewechselt.“[21]

Ein weiterer Bericht findet sich in der Hürriyet vom 2. Februar 2005. Unter der Überschrift „Drohungen gegen einen früheren Priester, der Muslim wurde“ wird von İlker Çınar, berichtet, der eine führende Stellung in der „Internationalen Protestantischen Kirche“ innehatte. Als Grund für die Aufgabe seiner Priestertätigkeit und Rückkehr zum Islam gibt Çınar an, dass er die Anweisung, sich auf Kurden und Aleviten zu konzentrieren, abgelehnt habe.[22]

 

Wir sind alle Muslime …

Hin und wieder finden sich in türkischen Zeitungen Berichte über Tragödien, die sich aus Liebesbeziehungen zwischen den Konfessionen ergeben.

Am 20. März 2004 findet sich in der Kolumne von Güzin Abla[23] ein Leserbrief, der eine solche Tragödie anschaulich schildert. Eine junge alevitische Frau hat gegen den Willen ihrer Familie einen sunnitischen Mann geheiratet. Ihr Vater hat den jungen Mann angegriffen und saß, weil er ihn verwundete, zum Zeitpunkt der Heirat im Gefängnis. Ihr Mann wurde gewalttätig, sie ließ sich scheiden. Der Brief endet: „Hat uns wohl die zwischen uns stehende Frage von sunnitischer und alevitischer Konfession soweit gebracht? Haben uns diese ignoranten Gedanken vernichtet?[24]

Die Kolumne hat Ratgebercharakter. Sie informiert über richtige Haltungen und Gedanken. In diesem Fall lautet die Antwort wie folgt: „Aleviten und Sunniten gehören nicht unterschiedlichen Religionen sondern unterschiedlichen Konfessionen an. Ganz im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Denken haben sie den gleichen Propheten und die gleiche Religion. Schließlich sind beide Gruppen Muslime. Jedoch können sie aufgrund des Konfessionsunterschiedes zu manchen Fragen andere Haltungen und Gedanken haben. Die Form des Gebetes und ihr Blick auf den Islam können anders sein. Die Aleviten, den dem gesegneten Ali folgen, der zu den Menschen gehörte, denen der Prophet am stärksten vertraute und schätzte, haben vor Jahrhunderten aufgrund der Kämpfe zu jener kritischen Zeit eine eigene Konfession gewählt. Ich denke, dass es in unserer zivilisierten Welt keinen Grund mehr für diese Art von Unterscheidung gibt. Wir sind alle Glaubensbrüder und auch ich beobachte und hoffe, dass, wie auch Du sagst, die Feindschaft unter gebildeten jungen Leuten nachlässt. Diese hartnäckige Feindschaft ist nur noch in der älteren Generation anzutreffen. Doch ich glaube, dass auch dies mit der Zeit überwunden wird.

Die Basis für die Überwindung der familiären Trennung zwischen Aleviten und Sunniten wird in der Gemeinsamkeit des islamischen Glaubens gefunden. Hinsichtlich der Unterschiede werden nur vage Andeutungen gemacht – was im Grunde auch verständlich ist, weil es sich nicht um eine theologische Kolumne handelt, sondern um eine, die sich auf alltägliche Lebensprobleme spezialisiert hat. Unterschwellig wird der Konfessionsunterschied als Problemquelle zu einem Generationenproblem erklärt. Er wird mit der Verbreitung von Bildung  aufhören, eine Quelle für Auseinandersetzungen zu sein.

 

Themenwahl und Perspektive

Die wiedergegebenen Sujets und die Positionierung einzelner Medien gegenüber dem Alevismus steht ein ebenso breites Spektrum alevitischer Organisationen gegenüber. Während sich die Gesellschaft ein Bild von den Aleviten macht, positionieren sich Aleviten gegenüber diesen Bildern. Da es sich dabei zugleich um eine religiöse wie auch kulturelle Bewegung handelt, die über keine vereinheitlichenden zentralen Strukturen verfügt, entstehen immer neue Spannungen und Diskussionen mit der Öffentlichkeit in der Türkei und ihren Medien.

Diese Spannungen können sich darin ausdrücken, dass das Alevitentum wie bei der Beerdigung des Sängers Ali Ekber Çiçek vom staatlichen Fernsehen nicht erwähnt wurde. Oder aber es kann sich in einer Verknüpfung zeigen, wenn beispielsweise im Zusammenhang mit der Beerdigung eines Opfers eines Anschlages auf einen christlichen Verlag in Malatya im April 2007 auf den alevitischen Hintergrund der Familie des Getöteten verwiesen wird.[25]

Während die Medien von Aleviten als besondere Bevölkerungsgruppe sprechen, bleibt zugleich offen, worin diese Besonderheit besteht. Ob beim Konflikt um ein Cemevi oder bei der Auseinandersetzung zwischen alevitischen Verbänden und dem Präsidium für religiöse Angelegenheiten überwiegt in der Berichterstattung mal die Betonung der Gemeinsamkeit im islamischen Glauben[26], mal die Hervorhebung des Rechts einer Minderheit, selbst über ihre Identität zu entscheiden.[27]

 

Eine alevitische Öffentlichkeit

Es scheint missverständlich, wollte man die Aleviten als eine einheitliche Gruppe darstellen. Sie organisieren sich in verschiedenen Vereinen und Stiftungen. Vom Präsidium für Religionsfragen (Diyanet Başkanlığı) heißt es, man bemühe sich um die Herausgabe grundlegender Schriften des Alevitentums. Die Bemühungen sind nicht zuletzt als Versuch zu verstehen, einen Kanon von Texten für ein über jahrhunderte vor allem in mündlicher Tradition gelebtes Bekenntnis zu schaffen.

Die Formation einer alevitischen Identität geschieht sowohl in den Medien wie auch in Abgrenzung zu ihnen: d.h. in dem Versuch, „alevitische Medien“ – Internetsites, Radios und einem jüngst Probesendungen begonnenen Fernsehsender – zu schaffen.

 

Interessanter Weise findet sich in den Selbstdarstellungen der als alevitisch geltenden Radio-Stationen kein Hinweis auf das Alevitentum.[28] Die Radioprogramme sind schwerpunktmäßig auf türkische Volksmusik ausgerichtet.

Der in Istanbul wohl bekannteste alevitische Radiosender ist das Cem-Radio (96,4 FM). In der Selbstdarstellung heißt es:[29]Cem Radio hat es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, Volksliedern, die zu den unverzichtbaren Produkten des kulturellen Mosaiks Anatoliens gehören, zu dem ihnen gebührenden Stellenwert zu verhelfen, sondern die Hörer auch durch Bildungsprogramme zu erreichen und mit unparteiischen Informationen über jede Art von Themen weltweit zu versorgen.

Cem Radio positioniert sich in einem gesellschaftlichen und kulturellen Pluralismus ohne Beachtung von Sprache, Religion und ethnischen Unterschieden in einem demokratischen und mehrdimensionalen Kommunikationsfeld. Ausgehend von dieser Feststellung bilden der Beitrag zur Entwicklung der Meinungsfreiheit, Beiträge zu Kunst und Kultur, die Gesellschaft durch positives Denken zu Kreativität anzuregen und die individuelle Entwicklung zu fördern, die Leitlinien der Sendepolitik des Cem Radio. (…)

 

Wenn von alevititschen Medien gesprochen wird, so ist zugleich die Rede von einem Paradox: Das Attribut „alevitisch“ verweist auf ein religiöses Bekenntnis. Doch sind die als „alevitisch“ qualifizierten Medien nicht vordergründig religiös ausgerichtet. Alevismus tritt den Nutzern dieser Medien vielmehr als eine kulturelle Präferenz und eine humanistische Ethik entgegen. Spezifisch religiöse Fragen wie Bekenntnis, Gotteslehre oder auch Gebote für das alltägliche Leben sind nicht bestimmende Merkmale. Offen ist demgegenüber ob beispielsweise ein Radiosender, der sich offiziell ein spezifisch alevitisches Profil gäbe, die Zulassung durch die Aufsichtsinstitution für Radio und Fernsehen (RTÜK) erhielte.

 

Insbesondere im Internet hat sich in den vergangenen Jahren ein breites Spektrum alevitischer Webseiten entwickelt, die vielfältig miteinander verlinkt sind. Viele dieser Seiten, die zu einem beträchtlichen Teil von Aleviten in Europa gestaltet werden, sind in türkischer Sprache gestaltet. Einige von ihnen bieten Links zu alevitischen Radios in der Türkei, die auch im Internet senden.

Diese Webseiten bieten ein Spektrum, das so breit ist, wie die Formen des gelebten Alevitentums: manche stellen gesellschaftlich-politische Fragen in den Vordergrund[30], andere beinhalten Texte zur Geschichte und Lehre des Alevitentums und wieder andere verfügen über ein breites Spektrum ethnographischer und folkloristischer Studien.[31] Die hohe Bedeutung alevitischer Volkskultur geht einher mit Links auf Webseiten, die stärker musik- und dichtungsorientiert sind.

Ein Blick auf die Vielfalt alevitischer Beiträge im Internet lässt es schwer fallen, von „einem“ Alevitentum zu sprechen. Nicht nur unterscheiden sich die Prägungen der unterschiedlichen Organisationen sowie Webseiten, die in der Türkei und solcher, die im Ausland entstehen: Alevismus tritt dem Betrachter zugleich als Lebensstil wie auch als religiöse Orientierung entgegen.

 



[1] Neben Bevölkerungsgruppen mit einem besonderen Rechtsstatus als „Minderheiten“ wie Griechen, Armenier und Juden, werden in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zu gesellschaftlichen Identitäten in der Regel Aleviten und Kurden berücksichtigt. Ein Beispiel ist eine im Januar 2006 in der Tageszeitung Milliyet veröffentlichte Umfrage …

[2] Vgl. Baskın Oran: Türkiye’de Azınlıklar: Kavramlar, Lozan, İç Mevzuat, İçtihat, Uygulama, TESEV Yayınları, İstanbul 2004, S. 4

[3] Das Präsidium für religiöse Angelegenheiten der Türkei hat mehrfach bekräftigt, dass es das Alevitentum als Teil des Islams betrachtete und in diesem Zusammenhang auch die Position vertreten, dass Aleviten über keine eigenständigen religiösen Stätten verfügen müssten, da sie wie andere Muslime die Moschee besuchten.

[4] Vgl. Stefan Hibbeler: Das richtige Alevitentum. In: Istanbul Post Nr. 10/2007 vom 20.03.2007, Internet: www.istanbulpost.net/07/03/03/alevi.htm

[5] Vgl. Stefan Hibbeler: Das richtige Alevitentum, a. a. O. sowie die Position des Präsidenten des Amtes für religiöse Angelegenheiten Prof. Dr. Ali Bardakoğlu in: ‘Bardakoğlu’nun cemevi cekincesi’ in Milliyet vom 26.03.2007

[6] Die Einschränkung auf Printmedien folgt der methodischen Überlegung, dass die angesprochenen Beispiele nur sinnvoll nachvollzogen werden können, wenn sie bereits in allgemein zugänglicher und schriftlicher Form vorliegen.

[7] Kurzbiografie von Ali Ekber Çiçek in einer Website zur türkischen Volksmusik, die jedoch auch in zahlreichen Nachrufen auf den Künstler verwandt wurde (z.B. dem Nachrichtenkanal NTV und der Tageszeitung Sabah): http://www.turkuler.com/tgv/aliekber.asp

[13] Es wurden in diesem Zusammenhang auch zahlreiche Strafverfahren geführt, die von dem Vorwurf der Spaltung der Gesellschaft oder der Aufhetzung der Bevölkerung ausgingen. Gegen Vereine, die das Wort „Alevitisch“ in ihren Namen aufnehmen wollten, wurden Auflagen erlassen, dieses zu streichen (vgl. http://www.radikal.com.tr/haber.php?haberno=76229 ).

[17] Vgl. Stefan Hibbeler: Das richtige Alevitentum. A. a. O.

[19] Eine intensive Diskussion wurde beispielsweise zum Jahreswechsel 2004/05 durch die Warnung vor wachsender Missionstätigkeit durch die Frau des früheren Ministerpräsidenten Rahsan Ecevit ausgelöst. Die Diskussion wurde bis März intensiv geführt. Vgl. „Missionarsdebatte und Angst vor Identitätsverlust.“ In Istanbul Post vom 10.01.2005, http://www.istanbulpost.net/05/01/02/missionsdisk.htm

[20] Der Mord an dem katholischen Pfarrer Santoro in Trabzon im März 2006 wird nicht zuletzt auch auf die Missionsvorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, zurückgeführt. Insbesondere protestantische Kirchen in der Türkei melden immer wieder Drohungen und Übergriffe gegen Gemeindemitglieder und ihre Kirchen.

[23] „Abla“ ist der Titel für die „große Schwester“. In türkischen Familien wird von den älteren Geschwistern erwartet, dass sie sich um die jüngeren kümmern und ihnen ggf. „den Weg weisen“.

[25] Uğur Yüksel war eines der drei Opfer des Mordes an Mitarbeitern des Zirve Verlags in Malatya am 19. April 2007. Während über das Begräbnis der beiden übrigen Opfer nicht gesondert berichtet wurde, wird zu Yüksel sein alevitischer Hintergrund berichtet und darauf hingewiesen, dass die Familie eine Beerdigung nach islamischen Ritus durchführte. http://medya.zaman.com.tr/extentions/e-zaman/pdf/zaman-2007-04-20.pdf, S. 16

[26] In der Tageszeitung Zaman vom 21. April 2007 ist Seite 2 überwiegend dem Bericht über die Feiern zur Geburtswoche des Propheten Mohammed gewidmet. Ein eigener Artikel berichtet über Veranstaltungen, die in den Cemevleri von Yenibosna und Gazi (Istanbul) durchgeführt wurden. http://medya.zaman.com.tr/extentions/e-zaman/pdf/zaman-2007-04-21.pdf

[27] Ein Beispiel findet sich in zwei Berichten der Tageszeitung Milliyet zum Abant Forum vom 17. und 18. März 2007 zum Alevismus: http://www.milliyet.com.tr/2007/03/19/guncel/gun03.html und http://www.milliyet.com.tr/2007/03/20/siyaset/asiy.html

[28] Es wird nicht falsch sein, hinter der Aussparung der alevitischen Orientierung auch rechtliche Bedenken zu vermuten. Die Rechtsgrundlage für die Aufsicht über private Radio- und Fernsehkanäle (RTÜK) sieht vor, dass Sendungen keinen Anlass dazu geben dürfen, Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzuhetzen. Über lange Zeit herrschte in der türkischen Rechtsprechung die Tendenz vor, jede Benennung besonderer Bevölkerungsgruppen (seien es Kurden oder Aleviten) als Verstoß gegen diese Bestimmung zu bewerten. Der Radiosender „Anadolu Sesi“ erhielt 2003 ein 180-tägiges Sendeverbot für einen Bericht über die Schließungsanordnung gegen den Kulturverein der Union alevitischer und bektaschi Organisationen.

[29] „Yayın Anlayışımız“, http://www.cemradyo.com/cem_radyo.asp?M_ID=2

[30] Zur Jahreswende 2006/07 beschäftigten sich einige Webseiten mit Massakern an Aleviten wie die Ereignisse in Malatya, Maraş und Sivas (z.B. http://www.arifeoezer.online.de/index.html, http://www.aleviyol.com ). Im April 2007 finden sich auf zahlreichen Webseiten mit Aufrufen, sich an Kundgebungen zum Schutz der laizistischen Ordnung der Türkei zu beteiligen (z.B. http://www.alevifederasyonu.com/index.php?option=com_frontpage&Itemid=1&limit=11&limitstart=0 )